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Mit Erdgasantrieb zum Gipfelsieg

2758 m - Fahrt über die höchste Straße der Ostalpen

November 2006

Im Morgengrauen Anfang November betankte ich in Haiming, am Eingang des Tiroler Ötztals, sein Erdgasfahrzeug, meinen Opel Astra Caravan CNG. Geplant war, mit meinem Erdgasauto die höchstgelegene Straße der Ostalpen, das Stilfser Joch, zu befahren und eine Höhe von 2758 m über dem Meer zu erreichen. Von Haiming bis zum Joch beträgt die Entfernung 125 km. Eine Tankfüllung reicht also leicht für die Hin- und Rückfahrt.

Die Jahreszeit ist bereits weit vorangeschritten, auf den Spitzen der Nordtiroler Berge liegt schon der erste Schnee, aber die Vorhersagen für die Alpensüdseite stimmen optimistisch. Die Straße über das Joch ist noch geöffnet.






















Zwei Stunden später ist der Reschenpaß überschritten, wir befinden uns bereits südlich des Alpenhauptkamms, und das Erdgasauto hat seine erste lockere Aufwärmübung, die komfortable Paßstraße mit dem höchsten Punkt auf 1500m hinter sich.

Über die Almwiesen des oberen Vinschgau ziehen hohe Wolken, die Gipfel der umliegenden Berge sind überwiegend frei. In der Ferne ist das Ziel, die Gebäude auf der Paßhöhe, bereits klar zu erkennen. Knapp 2000 m Höhenunterschied liegen vor uns.

Mein Auto kurvt lässig die immer steiler ansteigende Bergstraße hinauf, passiert den namengebenden Ort Stilfs, der etwas abseits in einem Seitental auf dem sonnenüberfluteten Südhang liegt. Kurz darauf erreichen wir den Ort mit dem archaisch klingenden Namen Gomagoi. Dort erinnert eine stark bewehrte Festung daran, daß über das Stilfser Joch bis 1919 die Grenze zwischen Italien und Österreich-Ungarn verlief.

Wenig später das letzte bewohnte Dorf des Tals, Trafoi. Von hier aus sind alle Spitzkehren bis zum Joch durchnumeriert, insgesamt 48 auf der Ostseite.

Die Straße führt im unteren Bereich durch dichte Lärchenwälder, die eine herbstlich goldene Färbung zeigen. Eine dicke Schicht aus abgefallenen Nadeln bedeckt die Fahrbahn, bei jedem Windstoß rieselt eine weitere Wolke Nadeln herab.

Immer wieder plagen sich sportliche Radfahrer, die vielleicht für den nächsten Giro d'Italia trainieren, mit ihren Rennmaschinen die Steigung hinauf. Vom Erdgasauto, das sie gerade überholt hat, sehen sie nur die Rücklichter und den CNG-Schriftzug auf der Heckklappe. Bestimmt wissen sie es zu schätzen, wenn sie nicht von einer dunkelgrauen Rußwolke aus dem Auspuff eines Dieselfahrzeugs eingenebelt werden.

Die Straßenbauer vom Anfang des 19. Jahrhunderts haben die Trasse virtuos an den Berghang gelegt und Kehre um Kehre übereinander plaziert. Innerhalb weniger 100m Luftlinie überwindet die Straße mehrere 100m Höhenunterschied, wobei anders als bei zahlreichen anderen Alpenstraßen keine Galerien oder Tunnels gebaut wurden. Dadurch genießt man durchgehend den freien Blick auf die umgebende Landschaft.

Lediglich das Navigationssystem spielt verrückt, kann nicht unterscheiden, auf welchem dicht nebeneinanderliegenden Straßenabschnitte sich das Fahrzeug gerade befindet, und kommt mit den ständigen 180-Grad-Richtungsänderungen nicht zurecht. Im großen und ganzen besteht jedoch kaum die Gefahr, sich zu verfahren, da es nur eine Richtung gibt: nach oben.

An der Franzenshöhe auf 2188 m bietet sich eine Pause an, um das Gebirgspanorama zu betrachten. Mittlerweile haben wir die Baumgrenze passiert, und der Opel Astra hat seine bisherigen höchsten Punkte am St. Gotthard- und Oberalppaß übertroffen. Die Straße, die bislang auf die Gletscher des Ortlermassivs zugeführt hatte, biegt in ein kahles Seitental ein und steuert nun endgültig auf das Joch zu. Um die Paßhöhe zu sehen, muß man den Kopf weit in den Nacken legen, denn es sind immer noch 600 m Höhe zu überwinden.

Der Erdgasmotor zieht das Auto beherzt bergan. Die letzten Kehren erfordern noch einmal Aufmerksamkeit des Fahrers, denn die Straße ist nicht besonders breit und auf der einen Seite droht die Felswand, auf der anderen der Abgrund.

Auf 2758m Höhe sind wir an unserem Ziel angekommen, was selbstverständlich der Anlaß für ein Erinnerungsfoto ist. Zusätzliche Höhenmeter sind nur noch mit anderen Verkehrsmitteln zu erreichen, wie z.B. einem geländegängigen Jeep, einer Seilbahn oder auch Schusters Rappen. Keine andere Straße in den Ostalpen führt weiter hinauf. Lediglich die Pässe Iseran und Restefond in Frankreich sind noch etwas höher.

Nach der Einsamkeit und Abgeschiedenheit des Trafoier Tals wirkt der Trubel auf der Paßhöhe etwas befremdlich. Auch wenn durch die fortgeschrittene Jahreszeit bereits weniger Rummel als in der Hochsaison herrscht, bieten zahlreiche Souvenirläden ihren Kitsch feil, buhlen Bars und Hütten um Kunden, schaufelt eine Seilbahn eifrig Sommerskifahrer hinauf zum Gletscher. Die meisten Besucher bewegen sich in einem engen Radius um die Einrichtungen der Zivilisation. Wer nur wenige Minuten loswandert, ist bald wieder allein und kann die eindrucksvolle Kulisse bewundern. Tief unten im Tal erblickt man den Vinschgau, wo die Paßfahrt begonnen hat. Im Westen beherrscht die imposante Berninagruppe, die immerhin über 4000 m aufragt, den Horizont. Der Rundblick endet bei der "höchsten Spiz im Land Tirol", dem Ortler, an dem Reinhold Messner seine ersten Kletterversuche absolviert hat.

Als sich die Sonne verabschiedet, treten wir die Rückfahrt ins Tal an. Von den Schweizer Bergen nähern sich die ersten Schneewolken des kommenden Winters. Die Straße über das Stilfser Joch ist nur noch wenige Tage länger befahrbar, dann wird die Wintersperre verhängt. Bis die ersten (Erdgas-) Fahrzeuge den Gipfelsturm antreten können, wird es bis zum Juni des nächsten Jahres dauern.

Johannes Wieser